Berichte
Projekt offener Bücherschrank
Cellesche Zeitung am 15. Oktober 2011
Interview der Woche
Der erste offene Bücherschrank in Celle wird am Montag in den Triftanlagen eingeweiht - vom atelier 22 in der Bahnhofstraße. Evelyn Reschke war Gründungsmitglied des Kunstprojektes und sitzt im Vorstand. Was hat es mit der Austauschbibliothek auf sich? Das Gespräch vor Ort führte CZ-Mitarbeiter Christoph Zimmer. Das Foto ist von Peter Müller
Kunst darf kein Geld kosten
Evelyn Reschke vom atelier 22 erklärt den ersten offenen Bücherschrank in Celle
In vielen deutschen und europäischen Städten gibt es sie bereits: offene Bücherschränke. Am Montag wird die erste öffentliche Austauschbibliothek in den Triftanlagen eingeweiht. Was hat es damit auf sich? Literatur ist Kunst - und Kunst darf kein Geld kosten. Wir wollen allen Menschen die Möglichkeit geben, immer dann, wann sie es wollen, ein Buch in die Hand zu nehmen. Es ist uns ganz wichtig, dass niemand ausgeschlossen wird. Im Gegenteil.
Wie sieht das praktisch aus? Das ist ganz einfach. Der Bücherschrank wird von uns gefüllt und steht immer offen. Die Bücher können ausgesucht, ausgeliehen, behalten und zurückgegeben werden. Jeder, der möchte, kann alte Bücher dort hineinlegen. Was mit ihnen aber am Ende passiert, entscheidet jeder selbst. Das ist die einzige Gebrauchsanweisung. Gerade in der Kunst spielen Freiheit und Toleranz eine große Rolle.
Wie ist die Idee entstanden? In Hannover wurde ich auf den offenen Bücherschrank aufmerksam, es wurde wunderbar nagenommen. Von der Idee war ich sofort fasziniert, da habe ich gedacht: das müssen wir auch in Celle machen.
Wen wollen Sie konkret ansprechen? Alle, die sich freuen, ein Buch zu lesen. Wir wollen neugierig machen und eine neue Möglichkeit schaffen, mit Literatur und Kunst in Berührung zu kommen. Das gilt vor allem für die Menschen, die aus verschiedensten Gründen weder in die Bibliothek noch in die Buchhandlung gehen können oder möchten.
Und wer anonym bleiben bleiben möchte... ...der bleibt natürlich auch anonym. Die freie Entscheidung ist uns ganz besonders wichtig. Nicht, wie viel einer verdient oder wie er gekleidet ist. Wenn einer sich vorher von innen gewärmt hat, ist das auch kein Problem. In der Gesellschaft gibt es immer wieder Menschen, die davon voreingenommen sind. Das sind wir nicht. Was an dem offenen Bücherschrank zählt ist einzig und allein der Hunger nach Literatur, nach Wissen. Wir wollen die Gelegenheit bieten, dass man eine Ablen-
kung vom Alltag bekommt. Einfach mal loslassen. Ohne großen Aufwand.
Warum haben Sie sich gerade für diesen Standort entschieden? Da gibt es sehr, sehr viele Gründe. Erstens wird er von vielen Bürgern in Neuen-häusen gesehen. Außerdem liegt der Bahnhof in der Nähe des offenen Bücherschranks, es gibt eine Bushaltestelle gleich nebenan. Vor oder nach der Arbeit: hier können alte Bücher ausgeliehen und neue Bücher hineingelegt werden. Allerdings ist diese Art des Ausleihens noch nicht besonders bekannt. Das wollen wir ändern. Wir hoffen auch, vor allem Familien ansprechen zu können. Der Park ist sehr beliebt, nicht nur bei deutschen, sondern auch bei kurdischen und russischen Familien.
Es gibt also auch einen integrativen Aspekt? Das stimmt. Durch fremdsprachige Literatur würde der Bücherschrank noch einmal sehr viel attraktiver werden. Außerdem würde es helfen, das er besser angenommen und auch bekannter gemacht wird. Wir freuen uns auf alle Bücher und hoffen, für Kunst begeistern und mit den Menschen ins Gespräch kommen zu können. Literatur verbindet, Gegensätze verschwinden. Der Austausch über Literatur und Sprache soll dazu beitragen, dass man andere Kulturen und Traditionen besser kennen und verstehen lernt. Das geht leichter, wenn man gleiche Interessen und Leidenschaften hat - wie die Literatur. Wir wollen nicht nur zeigen, dass wir in einer Stadt zusammen leben können, sondern auch, dass wir alle in einen Schrank passen.
Haben Sie keine Angst, dass der offene Bücherschrank von Leuten, die für Kunst kein Verständnis haben, zerstört werden könnte? Ich glaube an das Gute im Menschen. Gerade wenn es um Kunst geht, sollte niemand Angst haben.In der Kunst geht es um Freiheit und Mut, etwas machen, was noch keiner gemacht hat. Vor Kunst sollten alle Respekt haben. Was das angeht, habe ich großes Vertrauen an die Bürger in Celle.









